Mittwoch, 18 November 2020 19:53

Corona: Schützen stehen vor großen Herausforderungen

Paderborn/Bad Lippspringe (WB/as). Keine Festzüge, keine Ehrungen, keine Versammlungen: Die Schützenvereine in Ostwestfalen-Lippe und darüber hinaus leiden unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie ganz besonders. Schützenfeste und nahezu alle kulturellen Angebote der Vereine mussten abgesagt, gemäß den Hygienevorschriften neu konzipiert oder in digitale Formate umgewandelt werden.

Um herauszufinden, wie sehr sich die kulturelle Praxis der Schützenvereine deshalb verändert hat, haben Wissenschaftler des Kompetenzzentrums für Kulturerbe der Universität Paderborn in Kooperation mit der Warsteiner Brauerei eine Online-Umfrage zu den Folgen der Corona-Pandemie durchgeführt.

Aus den ersten Ergebnissen zieht Jonas Leineweber, Projektmitarbeiter an der Universität Paderborn, ein Zwischenfazit: „Die kulturelle Praxis der Schützenvereine ist durch die Pandemie in ihrem Lebensnerv und Wesenskern getroffen, da gerade das Zusammenspiel von Gemeinschaft und Geselligkeit in der Krise nur schwer realisierbar und digital simulierbar ist.“ Gleichzeitig könne sich die Pandemie in einigen Bereichen des Schützenwesens als Quelle der Inspiration und Transformation erweisen.

 Insgesamt 2274 Personen haben vom 1. September bis 2. November an der Befragung teilgenommen. 90 Prozent von ihnen sind Mitglieder in einem Schützenverein oder haben etwa als Festbesucher einen Bezug zum Schützenwesen. Die Leiterin des Projekts und des Kompetenzzentrums, Prof. Dr. Eva-Maria Seng, kennt die aktuellen Risiken für das Schützenwesen genau: „Die Corona-Pandemie traf insbesondere den Bereich des Immateriellen Kulturerbes, also Bräuche und Rituale, aber auch den ganzen Bereich der Aufführungspraxis. Ausdrucksformen wie das Schützenwesen spüren die vielfältigen Auswirkungen nun massiv. Die große Teilnahmebereitschaft an der Umfrage und deren große Resonanz in der Bevölkerung zeigt, wie stark das Bedürfnis nach Forschung und Auseinandersetzung mit dem Immateriellen Kulturerbe während der Krise ist.“

Tradition im Wandel

Im Forschungsprojekt „Tradition im Wandel“ un­tersuchen die Paderborner Forscher historische Entwicklungen, Wandlungsprozesse und gegenwärtige auf das Schützenwesen wirkende Risiken, um gemeinsam mit den Vereinsakteuren Zukunftskonzepte zu erarbeiten. Die aktuelle Umfrage macht deutlich: Geselligkeit und Gemeinschaft, genau die Werte, die in der Krise besonders schwer miteinander in Einklang zu bringen und zu vermitteln sind, zeichnen das Schützenwesen für die Befragten am stärksten aus. Auch die Aspekte Heimat, Tradition, Gemeinsinn, lokale Identität und Förderung des Zusammenhalts in der Ortsgemeinschaft prägen für jeweils über 90 Prozent der Umfrage-Teilnehmer das Schützenwesen. „Schon bei solch allgemeinen Angaben zur Funktion und Wirkung der Schützenvereine in Westfalen wird die Tragweite der Pandemie für die kulturelle Praxis des Schützenwesens deutlich“, betont Leineweber.

Dass sich die kulturelle Praxis ihres Vereins durch die Pandemie stark oder sogar sehr stark verändert hat, denken 83 Prozent der Befragten. Im Vergleich zu anderen Veranstaltungen und Angeboten der Vereine bedauern mehr als 90 Prozent der Umfrageteilnehmer den Ausfall der Schützenfeste am stärksten. Über 80 Prozent der Befragten schildern, dass ihnen das Schützenfest speziell als Ort der Begegnung und des Wiedersehens mit Freunden und Bekannten sowie als Ort der Geselligkeit und Gemeinschaft fehle. Auch das Erleben von Traditionen und Ritualen vermissen 81 Prozent stark beziehungsweise sehr stark, während der Wegfall des ausgelassenen Feierns und des gemeinsamen Essens und Trinkens mit 66 Prozent am wenigsten beklagt wird.

 Absage war richtig

Dennoch geben 95 Prozent der Befragten an, dass die Absage der Schützenfeste richtig war. Aus ihrer Sicht hätten die Vereine während der Pandemie insbesondere Werte wie Verantwortungsbewusstsein, Vernunft, Solidarität und Gemeinschaft vermittelt. Dazu Leineweber: „Auch die Schützenvereine haben in der Corona-Pandemie als zivilgesellschaftliche Akteure ihre Bindegliedfunktion und gesellschaftliche Verantwortung wahrgenommen und somit dazu beigetragen, die gebotene Rücksichtnahme in die Breite der Gesellschaft zu tragen.“

Keine Entwöhnung

Die von vielen Vorständen befürchtete Entwöhnung und Abwendung vom Verein sei dagegen nicht messbar: So ist für jeden Vierten der Befragten trotz der zahlreich ausgefallenen Veranstaltungen die Bedeutung der Schützenvereine gestiegen, während sie für 13 Prozent gesunken ist. Die Motivation, zukünftig ein Schützenfest zu besuchen, ist sogar bei 48 Prozent der Befragten gestiegen und nur bei 5 Prozent gesunken.

Krise als Katalysator

Die ersten Teilergebnisse der Umfrage können sich Interessierte auch im Podcast anhören: Die Folge zu den Ergebnissen der Corona-Sonderumfrage ist von diesem Mittwoch an unter go.upb.de/schuetzenpodcast abrufbar.

Quelle: Westfälisches Volksblatt

 

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